TODESSEHNSUCHT

 

Theatermagazin aKT-Köln

Die Uraufführung des mobilen Jugendtheaterstücks "CU in Disneyland" von Steven Reinert lässt im Metropol Theater das Blut in den Adern erfrieren. Das von der Steglitzer Schülertragödie von 1927 inspirierte Stück ist ein gelungenes Porträt enttäuschter Jugendlicher auf der Suche nach Liebe.

Zunächst scheint alles harmlos. Zarah (Lisa Bräuniger) mit bravem Pferdezopf und der jugendliche Yuppie Harry (Lukas Schmidt) sitzen plaudernd an einem jener runden Plastiktische, die gefühlt in jedem zweiten Partykeller zu finden sind. Das glitzernde Licht der Diskokugel verheißt einen ausgelassenen Abend, für den Harry vorausschauend Weinflaschen bereit gestellt hat. Was beginnt wie eine unbekümmerte Party, wird zum Horrortrip: Aus Frustration über unerfüllte Liebe planen die besten Freunde Harry und Friedrich, sich und ihre Gäste umzubringen. Am Ende reicht Harrys Verzweiflung nur, um seinen Geliebten Max und sich selber zu töten.

Steven Reinert untersucht mit "CU in Disneyland" die unermüdliche Suche nach Identität, Liebe und Anerkennung von Jugendlichen. Dazu ließ er sich von der Steglitzer Schülertragödie inspirieren, die 1927 ein riesiges Medienspektakel wurde und zu heftigen Debatten über Sexualität und sittlichen Verfall der Jugend in der Weimarer Republik führte. Im Metropol Theater liebt der kluge Richard (Johannes Rosenzweig) die coole Clara (Anna-Sophia Lumpe), die wiederum dem dümmlichen Proleten Max (Slim Weidenfeld) verfallen ist. Der liebt sie auch, hat aber trotzdem eine Affäre mit Harry, der übrigens auch Claras Bruder ist. Die unschuldige Zarah stellt sich dagegen manchmal vor, dass sie beim Autounfall ums Leben käme und Richard plötzlich merke, wie sehr er sie liebe.

Was sich nach einer über-konstruierten Soap-Opera anhört, ist eine intensive Auseinandersetzung mit der Psyche zutiefst verunsicherter Jugendlicher, die stetig auf das Glück warten - und durch ihre Herkunft stigmatisiert sind. Schonungslos zeigt Reinert, wie der manipulative Sadist Max sich während der Party im imaginären Nebenraum von Harry einen blasen lässt. Als die Jugendlichen später Wahrheit oder Pfl icht spielen, bedrängt er die schüchterne Zarah mit einem verstörenden Lapdance, presst ihren Kopf an seinen Bauch, während man ihr ansieht, dass sie nur weg will. Slim Weidenfeld und Lisa Bräuniger transportieren Machtgeilheit und Ekel so überzeugend, dass man nur schwer zuschauen kann. Zwischen den mit Jugendsprache gespickten Gesprächen, immer leereren Weinfl aschen und gescheiterten Flirtversuchen hält Reinert immer wieder die Zeit an. Die dudelige Musik wird verlangsamt und einer der Feiernden tritt ins Rampenlicht, um seine innersten Gefühle preiszugeben. Die Handlung geht dabei in Slowmotion weiter.

Ein wirkungsvoller Einfall, der den Charakteren psychologische Tiefe verleiht. Die Situation spitzt sich zu, als zwei tödliche Schüsse alles für immer verändern. Die Schauspieler finden sich perfekt in ihre Rollen ein, die Regisseur Steven Reinert nah an heutigen Jugendlichen zwischen Liebeskummer, Alkoholexzess und Profi lierungsnot zeigt, auch wenn sie sich deshalb eher selten umbringen.

JOHANNA BUDERATH